Die „Sylt Trophy“ aus der Feder von Horst-Dieter Ebert
Hoch über dem abendsonnigen Hafen der Hansestadt und dazu den famosen Rosé-Champagner von Ruinart im Glas – mehr Glück ist eigentlich gar nicht vorstellbar! Doch dann – geradezu unvorstellbares Glück! – darf auch noch geraucht werden und das nicht nur auf dem von ziemlich steifer Brise durchwehten Balkon! Einige Herren schwenken vergnügt ihre Zigarren, Format fette Fahrradpumpe, so paradiesvogelig und in so viel und so angenehmer Gesellschaft haben sie wohl schon lange nicht mehr gepafft.
Die Freunde Bentleys, ja schon lange nicht mehr nur Boys, sondern auch Ladies, haben sich eingefunden zu ihrer dritten “The Vintage Luggage Trophy”, am Vorabend in Hamburg und am kostbarsten Platz der Stadt: Wir stehen im obersten Stockwerk des Marco Polo Tower, eines schön bizarren Architektur-Statements an der Hafenkante. Es gilt als das teuerste Wohnhaus des Landes; das Penthouse, in dem wir es uns gutgehen lassen, ist noch zu haben – für knapp vier Millionen (als Rohbau natürlich).
Eine buntere Truppe als unsere hat es wahrscheinlich noch nie beherbergt: Einige Herren tragen feinen blauen Zwirn, andere sehen aus wie Thomas Gottschalk in seinen wildesten “Wetten dass”-Kostümen; einige stiefeln als Hardcore-Automobilisten in schweeweißen Bentley-Overalls herbei. Und die mondäne Freundin von Dolce & Gabbana hat schon jetzt mit ihrem glamourösen Outfit den “Concours d’Elegance” eröffnet, der doch erst in drei Tagen auf Sylt stattfinden soll.
Die Wiederholungstäter, die schon die Trophys im Weserbergland und vielleicht gar in Heiligendamm mitgemacht haben, herzen sich fröhlich, den Newcomern werden Hände geschüttelt. Alle sind überwältigt von der Aussicht: Hamburg mit all seinen Türmen, mit Hafen, dem Dom und seinem bunten Riesenrad und der noch viel teureren Elbphilharmonie in Front knipst gerade die Lichter an, schöner könnte das in keinem Werbefilm aussehen. Und fast alle trinken wir den prickelnden Ruinart so sorglos und animiert, als seien wir mit dem Omnibus hier.
Irgendwann freilich ist damit Schluß, es soll auf eine kleine Hamburg-by-night-Tour gehen, gerade rechtzeitig, ich hatte schon einige Herren enthusiasmiert nach ihrem Füllhalter fummeln sehen; um ein Haar wäre das Penthouse womöglich noch heute Abend weggegangen...
Einen besseren Auftakt hätte sich Joachim-Michael Lemcke, der Gründer und Maitre de Plaisier dieser ungewöhnlichen Trophy, nicht wünschen können. Er ist ja mit seinem raren Gewerbe, aus klassischen alten Koffern gewissermaßen antikisierende Kommoden und Schränke für eine besondere Einrichtungskultur zu restaurieren, ein Aficionado von Oldtimern. Und so ist seine Automobil-Veranstaltung ja auch das Gegenteil reinrassiger Marken-Events: Klar bilden der Bentley-Owners Club und die “Friends of Bentley” den harten Kern, doch auch andere feine Marken sind willkommen, insbesondere mit ihren Oldtimern.
So fahren eine Stunde später vor dem Hamburger “Vier Jahreszeiten”, der Relaisstation der City-Tour, nicht nur Bentleys vor, sondern auch Modelle von Rolls Royce, Jaguar, Mercedes, Maybach, Morgan, Lamborghini, Maserati. Und der goldbetreßte Chefconcierge überreicht jedem Fahrer und jeder Fahrerin ein kleines Pralinenschächtelchen – schöne Geste eines berühmten Hotels gegenüber den Piloten berühmter Automobile.
Das Abendessen wird im “Rive” serviert. In Hamburgs bestem Fisch-Bistro direkt an der Elbe herrscht auch im zehn Uhr noch aufgekratzter Betrieb, doch die italienischen Kellner verlieren die gute Laune nicht. Wir essen das alte hamburger Arme-Leute-Gericht Labskaus (natürlich in köstlicher Feinschmecker-Version), dann zwei wunderbare Hummer-Gänge und dazu schäumt auch hier wieder feinster Champagner ins Glas.
Wer von den Erst-Teilnehmern es bislang nicht wußte, dem dämmert es spätestens jetzt: So eine Trophy ist keine Rallye, sie hat sowieso mit traditionellen Automobil-Events wenig gemein. Sie ist eher so eine Art mehrtägiger Party mit gelegentlichem Ortswechsel. Der freilich wird dann per Automobil vorgenommen.
So rollen am nächsten Tag über fünfzig Limousinen und Sportwagen, ganz neue (zum Beispiel ein Bugatti Veyron Grand Sports) und ziemlich alte (Bentleys aus den Zwanzigern) nach Norden. In Flensburg staunen alle bei dem hochkarätigen Silberbesteck-Produzenten Robbe & Berking, daß es dabei noch soviel und so subtile Handarbeit gibt.
Ganz nebenbei lernen wir die Antwort kennen, auf die – wie einer von uns zu Recht sagt: 500 000-Mark-Frage von “Wer wird Millionär?” – : ein Gürtler ist keiner, der einen Gürtel macht oder einen trägt, sondern ein metallbearbeitender Experte, der sich zwecks besserem Druck auf sein Werkstück auf einen Gürtel in seinem Rücken stützen kann (ist das so richtig erklärt, Oliver Berking?).
Mittags stehen wir dann bei “Annie’s Kiosk” in Süd-Dänemark in langer Reihe fröstelnd an für ein Hot Dog. Annie bietet mehr Fast Food-Gerichte als Beate Uhse Erotikbücher, wundersame Kreationen, die meisten auf der Basis von Wurst und Pommes, alle auf handlichem Pappteller, Senf und Ketchup à gogo. Bei so manchem von uns kann man sehen, daß er zum ersten Mal auf diese Genüsse trifft: Maine Lobster zu essen (wie gestern im Rive) ist zwar auch nicht einfach, doch einen reich dekorierten Hot Dog reinzukriegen ohne zu kleckern, das erfordert eine gewisse Meisterschaft.
Gegen Ende der Fütterung tritt Annie mit Fotoapparat auf den sonnigen Parkplatz und lichtet die Autos ab. “Nach dem Geschäft heute”, witzelt einer aus der Truppe, “können Sie sich doch auch bald so einen kaufen!” – “Naja”, sagt sie trocken in dänischem Deutsch, “diesses hier hab ich schon zzuhaus.” Und zeigt auf den schwarzglänzenden Bugatti...
Bei der absichtsvoll umwegigen Fahrt durchs Dänische nach Römö zeigt sich, daß der listige Lemcke das Roadbook durchaus als Teil der zu lösenden Aufgaben (à la “Wieviel zugemauerte Fenster hat die links in Blickrichtung liegende Kirche?”) begriffen haben möchte, als Test unseres IQ oder wenigstens der schon ein bisschen verschütteten Pfadfindertugenden.
Die eingebauten Verwirrnisse sorgen dafür, daß man immer wieder Fahrzeuge ratlos am Straßenrand stehen sieht, manche kommen einem auch entgegen; einige finden es schließlich bequemer, den Sylt-Shuttle der Deutschen Bahn in Niebüll zu nehmen, doch das Gros sammelt sich schließlich in Römö (schließlich gibt es ja auch noch das Navi). Und fast jeder hat eine amüsante Anekdote zu erzählen von der Art: “Und als ich dann laut Roadbook links abbiege, stehe ich nach 500 Metern direkt am Strand...”
Die Stimmung auf unserer privaten Charter-Fähre ist erwartungsfroh und gutgelaunt, die netten Mädels vom A-rosa Hotel und Spa checken bereits an Bord ein. Die ersten – angeführt von unserem souveränen Moderator Bernd Rasehorn v. Battenberg – gönnen sich ein dänisches Pils; es war ja ein langer trockener Tag, seit dem Begrüßungschampagner bei Robbe & Berking hat es nichts mehr zu trinken gegeben...
Das Hotel organisiert ein perfektes Checkin, wir haben ja alle bereits unsere Zimmer. Und einen effizienteren Gepäckservice habe ich selten gesehen, selbst Gäste mit Schrankkoffern wie von der “Vintage Luggage Company” wären begeistert. Eine Stunde später, es geht gegen neun, trudeln alle in der “Cucina della Mama” ein. Es wird ein längerer Abend, schön eng und gemeinschaftsfördernd; die Weine aus den großen “Sansibar”-Magnums gehen nicht aus.
Dort, in Sylts legendärer Strandbaracke (“Friends of Bentley” 2/2011), treffen wir am nächsten Mittag nach einer vom Roadbook durchaus verständnisvoll geleiteten Sylt-Rundfahrt (Es geht also doch, Herr Lemcke!) ein. Das Service-Team von “Stand By” rangiert die Fahrzeuge nach Schönheit den Weg hoch, die dekorativsten stehen direkt vor dem Restaurant und werden von den vielen Gästen bewundert und natürlich tausendfach fotografiert: “Mutti, nu stell Dich doch nochmal vor den dicken Grünen!”
So manch Sonnenhungrigen hält es nicht im Restaurant, alle Außenplätze, alle Strandkörbe sind besetzt, die Temperaturen haben einen Satz nach oben gemacht. Und wer sich für die wattierte braune Trophy-Jacke (nur Lemcke trägt eine in grasgrün) entschieden hat, fühlt sich darin im Freien pudelwohl.
Auf den langen Holztischen im Innern, auf der bevorzugten Seeseite, werden uns derweil die berühmten “Sansibar”-Antipasti serviert, gefühlte zwanzig Gänge, und als wir alle erleichtert denken, das wars, kommt noch ein gigantisches Rinderfilet, rot, zart und von wunderbarem Geschmack auf würzigem provencalischem Gemüse. Dazu rauscht ein eiskalter Rosé aus derselben Gegend ins Glas; einige reagieren mal wieder in unbesorgter Fröhlichkeit auf das “Don’t drink and drive, please!” im Programm mit dem bekannten Hamburger Laissez-faire-Motto “Gar nicht ignorieren!”
Anschließend paradieren die Autos in Kampen, auf dem Parkplatz vor der Chopard-Boutique. Noch mehr Bewunderer, noch mehr Amateurfotografen, und wir bleiben beim Rosé, zur Abwechslung mal wieder einem prickelnden. “Sonne, Champagner und Chopard”, sagt eine Trophy-Lady aus Düsseldorf, die freilich aussieht, als hätte sie von denen schon alles, “schöner gehts doch gar nicht mehr.” Wir ziehen die Sonnenbrillen an und blinzeln in den blauen Himmel, spätestens jetzt haben wohl alle verstanden, was der Veranstalter unter den Programmpunkten “Genuss und Spaß” versteht.
Bis auf wenige Glückliche, deren Appetit nie versagt, überspringen wir die Austern bei Dittmeyer in List, denn schon droht auf das verheissungsvollste das nächste kulinarische Highlight: Eine Begegnung mit der Sternenküche von Sebastian Zier in zwei Arosa-Restaurants (ins kleine feinschmeckerische “La Mer” würden wir nicht alle reinpassen). Und es wird tatsächlich ein wunderbarer, erinnerungswürdiger Abend!
Wir starten – ich weiß, ich wiederhole mich – mit ein bisschen Champagner, diesmal mit unserem geliebten Roederer.
Dazu präsentiert die Sushi-Bar im “Cube” ihr ganzes großes Programm. All die farbfrohen Maki- und Nigiri-Zushis (ja, mit Z, weil auf einen Vokal folgend) passen, wie ich finde, besonders gut zu unserem heutigen Dress (Code: Blazer).
Zier läßt dann drei Gänge von hoher Köstlichkeit auftischen, nicht alle ganz kalorienfrei, aber wir sind ja inzwischen gut trainiert. Und das dicke Ende kommt erst noch: In der Bibliothek erwartet uns ein variantenreiches Dessert-Buffet der allerfeinsten Art, mit Schokoladen-Kreationen, denen kaum einer widerstehen kann. Und Hennessy organisiert dazu eine Degustation seiner besten Cognacs, die kulivierten Schluckspechte unter uns sind in ihrem Element, und so manches Cognac-Greenhorn bläht die Nüstern und macht große Augen: Daß ein Hennessy so gut schmecken kann, wer hätte das gedacht! Dazu flaniert ein junger Zauberer von Gruppe zu Gruppe und verblüfft uns mit seinen Kartentricks: Es ist ein bisschen wie Kindergeburtstag, nur noch viel schöner. Und dann hat Lemcke noch eine, nun ja, literarische Überraschung zu bieten.
Aus den “Kurzgeschichten”, die wir aus einem vorgegebenen Wortschatz zu komponieren versucht haben, hat die Jury drei ausgesucht, die ihre Autoren und Autorinnen vorlesen sollen. Aufgefallen war schon, daß Grammatik und Orthographie der dichtenden Bentley-Owner, auch der akademischen, sich über den deutschen Durchschnitt kaum erheben. Das Gegenteil indes kann man von ihrer Phantasie sagen.
Wie hier Begrifft wie “hyperbulimische Erscheinung” und “Handschellen”, “Panikmache” und “Schwarzwälderkirschtorte” , “pinkfarbene Dessous” und “Analogkäse” (und noch eine Dutzend weitere) zu skurrilen Stories verleimt wurden, erzeugte immer wieder schallendes Gelächter. Und das Publikum wählt anschließend aus den drei Top-Stories per Akklamation den Ersten: Er gewinnt immerhin eine Woche Kreuzfahrt auf der “Seacloud”!
Wie der Dichter an dieser Stelle gern schreibt: Der Rest ist schnell erzählt.
Am nächsten Tag finden sich alle Autos, vom “Stand By” Team in nächtlicher Arbeit frisch gewaschen und poliert, auf dem Parkplatz der Sturmhaube in Kampen ein. Hier scheint noch mehr Sonne, klicken noch mehr Kameras. Es ist das Grande Finale, der “Concourse d’Elegance”!
Die Jury nimmt sich lange Zeit, dann verkündet Rasehorn v. Battenberg ihr Urteil (siehe unten). Die Teilnehmer nehmen es applaudierend zur Kenntnis, während zum Abschied eine Linsensuppe mit Bockwurst serviert wird. Die Teilnehmer verzehren sie mit gutem Appetit und wohlgelaunt – ein Kontrastprogramm zu den kulinarischen Feinheiten der letzten Tage.
Daß für ein solches Gericht einst Esau sein Erstgeburtsrecht an seinen Bruder Jakob verkaufte, war – obwohl es wirklich gut schmeckte – hier kein Thema. Jedenfalls wurde über eine Transaktion dieser Art nichts berichtet. Die Trophy endet programmgemäß: fidel und frohgemut.
Gewinner wird, nein, kein Bentley, sondern ein Mercedes-Benz-Oldtimer aus dem Jahre 1936, einer der sogenannten “Autobahn-Kuriere”, einer der beiden, die es heute noch gibt. Sein holländischer Besitzer nimmt einen kostbaren Champagnerkühler aus KPM-Porzellan entgegen, ein bisschen Füllung ist auch dabei.
Die Silbermedaille geht dann gottlob doch an einen Bentley: Der 8 Litre Tourer von Claus Heinrich, einer von einstmals nur hundert gefertigten aus dem Jahre 1931, von denen immerhin noch 78 fahrtüchtig sind, hatte neun Vorbesitzer im United Kingdom, in den USA und Canada, bevor er, seit 2005, in deutschem Besitz ist.
Bronze gewinnt der 3,5 Litre Jaguar MK V
“Three Position-Drophead Coupé” von Christian Nannen aus dem Jahr 1951, ein Eycatcher in Pastel Blue. Der stolze Eigner besitzt ihn seit 1990 und hat ihn von 1991 bis 1996 von Grund auf restauriert.
