The Vintage Luggage Trophy

Frische Fische, höhere Mathematik und dreiste Lügengeschichten

Mit der “The Vintage Luggage Trophy” im Weserbergland – Horst-Dieter Ebert war, als Bentley-Fahrer verkleidet, dabei

Es ist ein Wochenende voller Konjunktive, jener Möglichkeitsformen wie “wäre”, “würde”, “könnte”, die nicht die Wirklichkeit beschreiben, sondern deren wünschenswerte Version: “Ach, wären Sie doch schon vor drei Tagen gekommen”, sagt der Hoteldirektor beim Empfang in seinem Schloß. “Es könnte soo traumhaft sein”, seufzen zwei Co-Pilotinnen bei einer Pause in den herbstlich bunten Wäldern des Weserberglandes. Doch der gute Laune tut die Wetterlage kaum Abbruch: “Wenn jetzt auch noch die Sonne scheinen würde”, heißt die lebenskünstlerische Interpretation, die ich an diesen Tagen mehrfach höre, “das wäre doch gar nicht auszuhalten!”

Denn schon so ist das Glücksgefühl für manchen kaum auszuhalten: Wenn sich Männer (und gottlob auch etliche Damen) mit den automobilen Objekten ihrer Begierde treffen, vorzugsweise an einem Ort, wo es besonders schön ist, wo ein besonderes Hotel lockt, in dem Essen und Trinken aufs feinste kultiviert werden, dann sind immer auch Emotionen im Spiel; schöne Autos sind ja ziemlich zuverlässige Förderer des Glückshormons.

Zum zweiten Mal hatte Joachim-Michael Lemcke, als Geschäftsführer der Hamburger “The Vintage Luggage Company” schon beruflich ein Liebhaber von Oldtimern, zu einem Treffen von gleichgesinnten Automobilfreunden geladen. Von gleichgesinnten, doch nicht gleichmotorisierten: Die Events, so lerne ich gleich am Anfang, sind stets offen für besondere Automobile der Oberklasse, oder doch zumindest für deren Oldtimer. Diesmal waren außer den Bentleys – Arnage, GTC und Intercontinental (ab 1957) auch schöne Exemplare von Rolls Royce, Maybach und Mercedes dabei, außerdem Aston Martins, MGs und Morgans – ein rarer Facel Vega von 1963  wurde neidlos bei dem abschließenden “Concours d’ Elegance” zum Sieger erklärt.

Sonst war das Programm eine gutgelaunte Kombination aus heiterer Geselligkeit, kulinarischen Höhepunkten und interessanten Excursionen. Nur wenige, mich eingeschlossen, hatten ja zuvor eine Ahnung von den Schönheiten der Weser-Schlösser, ihrer Renaissance-Architektur und ihrer teilweise bizarren Geschichte, die etwa auf Schloß Hämelschenburg eine talentierte Guide mehr theatralisch aufführte als akademisch vortrug.

Und auf mehreren Routen war zu erleben, daß das Weserbergland tatsächlich so etwas wie Berge besitzt; einmal touchierte der Korso der Automobile sogar eine tiefhängende Wolke. Die Fotografen waren mit der Wetterlage sehr zufrieden. Sie schossen dramatische Bilder von leuchtenden Fahrzeugen, die auf schwarzglänzenden Strassen buntes Laub aufwirbelten, wie im Film noir der vierziger und fünfziger Jahre: “Das hätten wir doch bei Sonne niemals hingekriegt!”

Die erste “The Vintage Luggage Trophy” hatte 2009 in Deutschlands ältestem Seebad stattgefunden, in Heiligendamm. Die schneeweißen klassizistischen Bauten des Grandhotels hatten ein ideales Bühnenbild abgegeben für die hochglanzpolierten Karossen in fast allen Farben des Spektrums: “Ein nachtschwarzer Rolls Royce Phantom neben racing-grünem Bentley Blower”, notierte damals ein begeisterter Teilnehmer, “ein himbeerfarbener Mercedes-Benz 300 SL Flügeltürer, daneben ein knallroter Jaguar E-Typ, etwas weiter hinten ein Ferrari 275 GTB in <rosso corsa>.”

Dieses Mal waren die Wagen – ich zähle mal 35, mal 36 – aufgestellt auf dem historischen Hof des Schlosshotels Münchhausen, und der reichte kaum aus. Das in seiner vierhundertjährigen Geschichte mehrfach abgebrannte, doch zuletzt wunderbar rekonstruierte und renovierte Schloß in Schwöbber, wenige Kilometer von Hameln entfernt, gilt ebenfalls als ein prominentes Beispiel der Weserrenaissance. Der berühmte “Lügenbaron” von Münchhausen, als der Hans Albers 1988 in einem erfolgreichen Film auf der Kanonenkugel geflogen war, hat freilich nicht hier, sondern zwei Dörfer weiter gewohnt.

Die Münchhausens in Schwöbber waren nicht ihrer Lügengeschichten wegen bekannt, sondern wegen ihres herrlichen Schloßparks und einer exotischen Pflanzensammlung. Mit deren Kaffeebäumen, Drachenbäumen, 300 Orangenbäumen und insbesondere der seltenen Ananaskultur beeindruckte Otto I. von Münchhausen den Zaren Peter den Großen bei seinem Besuch 1716.

Die Neigung zum Kulinarischen hat sich bis heute gehalten. Schon am ersten Abend lädt uns der von den Feinschmecker-Magazinen hoch angesehene Sterne-Koch Achim Schwekendiek zu einer Küchenparty ein, bei der alle Teilnehmer sich bei raffinierten und ganz elementaren kleinen Häppchen (das Mini-Schnitzel! Aah!!) in zwanglosem Ambiente kennenlernen und näherkommen. Die feinperligen Jahrgangs-Bubbles von Roederer animieren die allgemeine Stimmung, eine gelinde Champagnerlaune bemächtigt sich der meisten Gäste, schöner kann ein Wochenende in diesem luxuriösen Schloßhotel nicht beginnen.

Dabei hatte es eigentlich schon mit einem Fischessen direkt am Steinhuder Meer begonnen, unter einem Heizwärmer auf der Terrasse und mit Decken für die Damen. Makrele, Lachs und Räucheraal schmeckten wunderbar. Es gab einen launigen Vortrag über Fische und Fischfang im See. Und hinterher fanden sich in dem täglichen Quiz-Bogen Fragen à la “Wie groß ist das Steinhuder Meer in Quadratmetern?” (Da muss man 29 Quadratkilometer umrechnen, was ich auch wieder nicht hinkriegte). “Wie tief ist es maximal?” (Irgendwas bei 2,90 Meter). Da verschwand schon der eine oder andere mit seinem IPad zum Googeln um die Ecke, oder rief einen Partner seines Vertrauens an (das kennt man ja von Günter Jauchs “Wer wird Millionär?”)

Denn bei dieser Bentley & Consorten-Trophy zählen Vergnügen und Kreativität mehr als Rallye-Geschwindigkeiten, die nicht gemessen werden, oder Geschicklichkeitsprüfungen, die nicht zu absolvieren sind. Doch ein bißchen Gehirn-Akrobatik wird schon abgefragt. Am nächsten Tag – die Autos stehen im Kurpark Bad Pyrmont aufgereiht – sollen wir während des Mittagessens eine Geschichte schreiben, darin sollen 18 Wörter und Begriffe vorkommen, von “Amusebouche” bis “Fast Food”, “grenzwertig” bis “nasser Freitag”, “Kreuzfahrten”  bis “geschmacksneutrales Territorium” – und tatsächlich ergeben sich daraus drei pointierte, höchst belachte – natürlich – Lügengeschichten, die dem alten Baron sicher gut gefallen hätten. Sie werden am Abend beim Gala-Dinner vorgetragen und auch – sinnigerweise mit einer Kreuzfahrt auf der schönen “Sea Cloud 2” – prämiert.

Die “The Vintage Luggage Trophy” – der Preis besteht im übrigen in einem kunstvollen Champagner-Kühler aus feinstem KPM-Porzellan (plus Roederer-Füllung!) –  hat das Zeug, sich zu einer Tradition zu entwickeln. Für 2011 ist jedenfalls bereits ein Treffen auf Sylt geplant. Hoffentlich gibt es dann keine Frage, wie groß die Nordsee in Quadratmillimetern ist...