The Vintage Luggage Trophy – Tegernsee 2011
Ein Augenzeugenbericht von Horst-Dieter Ebert
In München tobt das Oktoberfest. An jedem Tag in diesem schließlich doch noch goldenen September befördert die Lufthansa unternehmungslustige Lederhosen und frohgelaunte Dirndl aus Hamburg oder Frankfurt in das Epizentrum des bayrischen Bier-Genusses. Manche Damen, so erzählt kichernd der Steward auf unserem Flug nach Süden, kommen in dezentem Manager-Mausgrau an Bord, verschwinden kurz vor der Landung auf der Toilette und kehren dann in farbenfroher Folklore zurück: “Meist lachend und immer sehr viel fröhlicher als vorher”, urteilt der amüsierte Beobachter.
Und nun also die Trophy am Tegernsee, in oberbayrischem Kernland, in Münchens bevorzugter Naherholungszone, das kann doch nicht oktoberfestfrei vorbeigehen!
Tatsächlich fordert der Prolog am Freitag einen Tribut an die Saison, den Ort und seine Bräuche. Aber man ahnt ja, wozu selbst ältere Zeitgenossen aus dialektfreien norddeutschen Landschaften nach ein paar Gläsern Champagner in der Lage sind. Jedenfalls trifft sich dazu eine erwartungsvolle bunte Schar und, so steht es im Programm, “dann geht’s los mit dem Oldtimerbus zur Gebirgsschützenhütte, wo wir in entspannter Atmosphäre unser Oktoberfest feiern”.
Die drei gelben alten Busse sind ganz allerliebst, die Location so urbayrisch wie eine Kuckucksuhr schwalzwälderisch ist. Eine Quetschkommode (die Sepplhose) und eine Gitarre (das Dirndl) zupfen und jödeln sich durch die zeitlosen Oktoberfest-Hits. Etwa alle halbe Stunde jauchzen sie “ein Prosit, ein Prosit der Gemütlichkeit” durch den Saal; etwa beim sechsten Mal jauchzen die ersten Gäste mit. Es ist fast ganz so wie auf der Wies’n.
Denn viele Trophy-Teilnehmer haben sich auch den modischen Riten des sonderbaren Gebirgsvolkes angepasst. Bei einigen ist es nur ein blauweißes Einstecktuch, doch andere haben barock geschmückte Hosenträger angelegt mit ledernen Hosen unten dran in unterschiedlichen Formaten, einige Herren entbergen dabei durchaus ansehnliche Kniee.
Mit den Damen können sie freilich selbst bei kühner Entblößung nicht mithalten: Wir zählen mindestens fünfzehn in bezauberndem Trachten-Look (siehe Bild), und es stellt sich mal wieder die Frage, warum die Mädels eigentlich empörenderweise immer besser aussehen als Männer. Nur am Rock kann es nicht liegen: Gloria, die Frischlufttrainierte aus dem schönen Bentley Open Tourer, trägt oben was Gedirndeltes, unten was Sepplhosiges, und sticht auch so die männlichen Hosen-Träger aus.
Nach einer zünftigen Brotzeit legte sich der Koch mächtig ins Zeug. Offenbar war es sein Ehrgeiz, aus dem Fleisch Material herzustellen für besonders strapazierfähige Lederhosen, dann hat er sich im letzten Augenblick doch noch umentschieden, doch das Strapazierfähige blieb auch auf dem Teller unverkennbar; der Rotkohl ist der Sauerste seit langem. Doch sauer mcht ja bekanntlich lustig. Dazu wurden dann nach all dem Bier auch noch ein paar anständige Weine serviert, so endete der Abend, jedenfalls sein bayrischer Teil, in alleranimiertester Stimmung. Niemand mußte ja sein Auto fahren, die kleinen Busse brachten uns verläßlich ins Hotel.
Für diejenigen, die es schon immer moniert haben, daß in unseren Berichten von der Trophy zuviel vom Essen und Trinken die Rede sei, daß darin zuviele Champager (darunter natürlich reichlich Louis Roederer in allen Variationen) und Weine getrunken werden (diesmal etwa fünf schäumende, fünfzehn stille, von den Kurzen nicht zu reden), beende ich den Report darüber. Die Haupt-Themen der Tegernsee-Tour waren ja sowieso andere. Erstens: das Wetter, zweitens: das Wetter, und dritten: das Wetter. Es war ja das Wunder-Wochenende dieses Jahres, bilderbuchblauer Himmel, totale Sommertemperaturen. Die Cabriofahrer im siebten Himmel, und schon am frühen Morgen Hochbetrieb im Außenpool des Seehotels Überfahrt.
Kleine Kehrseite der schönen Medaille: Das Sensationswetter und das lange Wochenende (Montag ist Tag der Einheit) hat außer den Trophy-Teilnehmern noch ein paar (gefühlte) hundertausend Münchner an den Tegernsee gelockt, so daß spätestens am zweiten Tag das häßliche Wort Stau an Wichtigkeit gewinnt. An diesem verkaufsoffenen Sonntag schieben sich Eingeborene und Touristen in Sechsereihe durch die Innenstadt von Tegernsee. Die mit dem (Elektro-)Tesla unterwegs waren, kommen zurück und feixen: “Wir sind hauptsächlich über die Fußgängerwege gehuscht, uns hört ja keiner!”
Was auffällt, sind die vielen Trophy-Teilnehmer, die sich als Photographen bewaffnet haben. Das kommt natürlich nicht von ungefähr: Leica hat sie mit ihren legendären Kameras ausgerüstet. Nun staunen sie, wie gut Fotos werden können, wenn man das richtige Gerät benutzt und nehmen lustvoll an Leicas Fotowettbewerb teil.
Die meistabgelichteten Motive, so zeigt sich, sind die bayrische Architektur, der See und – die Chopard-Boutique im Hotel. Sie war total auf das Trophy-Thema umdekoriert worden, mit vielen Oldtimer-Modellen und Mille-miglia Memorabilien, eine Art preziöser Automobil-Tempel. Einige Herren guckten etwas besorgt, wenn die Damen sich etwas länger im Laden aufhielten und offenbar nicht nur die Automodelle bewunderten: “Das ist ja hier so gefährlich”, seufzte einer, “meine Frau hat ja einen so guten Geschmack!”
Am Sonnabend startet die Kavalkade der wunderbaren Karossen von der Hotelvorfahrt aus zu ihrer ersten Ausfahrt. Einige zehntausend Pferdestärken aus fast neunzig Jahren setzen sich in Bewegung. Die Oldtimer lassen ihre Motoren orgeln, die modernen Sportwagen kreischen kurz mal auf, die neuen Bentleys bewegen sich in majestätischer Ruhe, ihre Kraft dezent versteckt.
Am Ortsausgang ist ein wunderschöner alter Vorkriegs-BMW liegengeblieben. Der Fahrer, sonst als Oldtimer-Kenner bekannt, sucht unübersehbar aufgeregt den Benzinhahn, ist sich aber auch keineswegs ganz sicher, ob der Wagen einen besitzt; er fährt mehrere alte Autos und dieses noch nicht so lange. Mehrere aus der Gruppe halten an und sind mit guten Ratschlägen dabei. Auch die Gattin hat so ihre Theorien: “Kann doch sein, daß die in der Werkstatt den Tank nicht zugeschraubt haben, und das Benzin verdunstet ist?” Am Ende springt er wieder an und fährt erst mal wieder. (Ein paar Kilometer weiter bleibt er dann nochmal stehen, doch nun kommt Jean-Claude, der Meister-Mechnikus der Trophy, hinzu: Es ist tatsächlich ein leerer Tank und eine defekte Bezinanzeige...).
Vor der “Residenz Heinz Winkler” in Aschau, laut Gault Millau eines der zwölf besten Gourmetrestaurants im Lande, drängeln sich die Fahrzeuge. Im Innenhof springt der jugendliche Bernd Rasehorn v.B., unser unermüdlich lächelnder Moderator, tollkühn auf eine Balustrade, um uns von oben zum Essen ins Restaurant zu dirigieren. Professor Schermer rafft noch ein paar fast volle Flaschen Roederer Rosé zusammen und entführt sie an seinen Tisch: “Ist doch zu schade, wenn das alles umkommt!”
Heinz Winkler kuriert inzwischen eine junge Dame, der auf der Fahrt schlecht geworden ist. Ihr Mann fährt erstmals einen Mulsanne und wollte mit ihm dringend 350 Stundenkilometer erreichen und auf den Kurven von Rottach-Egern nach Aschau einen neuen Geschwindigkeitsrekord erzielen. Beides scheint ihm gelungen zu sein, doch seine Frau sieht ziemlich grün aus. Doch der kundige Koch päppelt sie mit einem speziellen Kräutersüppchen wieder auf und entläßt sie nach einer halben Stunde geheilt zum Essen, das im übrigen einigen sehr puristisch, gar ein bisschen spartanisch vorkommt.
Dafür haben dann am Abend wieder alle allen Grund, sich bei Joachim-Michael Lemcke für die Organisation und seine Event-Einfälle zu bedanken. So hatte er zum Aperitif die Silberschmiede Robbe & Berking (siehe unsere Herbst-Ausgabe) eingeladen: Sie haben silberne Champagner–, Entschuldigung, sie haben Pokale aus Silber bzw. Sterlingsilber (900 Euro das Stück) für Schaumwein aus Frankreich mitgebracht, um einmal zu demonstrieren, wie man den früher genossen hat. Und um deren Vorzüge zu demonstrieren: Das Getränk wird besser kühl gehalten, das Gefäß ist unzerbrechlich, und der Geschmack sei authentischer, weil Silber ja antiseptisch ist.
So sieht man denn die Genießer unter uns, also ziemlich alle, gewissermaßen stereo trinken, rechts aus dem Silbergefäß, links aus dem Riedelglas oder umgekehrt. Der Silbertrunk ist in der Tat kälter, schmeckt den meisten freilich etwas metallisch, was nach Meinung der Experten reine Einbildung ist: “Das ist die Kälte, oder da hat jemand Amalgam-Plomben.”
Das Dinner, zu dem der Superkoch der “Überfahrt” Christian Jürgens eine wie metallic-lackierte Tomate mit allerfeinstem Mousse beisteuert, findet Rasehorn “zum Niederknieen”, etliche verdrehte Pupillen und genußvoll hingehauchte Ahs und Ohs geben ihm Recht. Die kleinen literarischen Digestifs mit dem inzwischen fast schon traditionellen Vokabel-Cocktail amüsieren auch diesmal die Gesellschaft, es ist immer wieder erstaunlich, auf was für Einfälle so harmlose Wörter wie “Muskel” oder “Mieder” manche Autoren bringen.
Und um den Nachwuchs brauchen wir uns auch kein Sorgen zu machen. Die 10 jährige Lisa Wallner steuerte einen hübschen Schulaufsatz bei, mit Wörtern, von denen sie einige nach eigenem Bekenntnis nicht einmal verstanden hat (“An der Fleischtheke dachte ich mit Humor an meine Verdauung”).
Lob sei Lemcke: Nach dieser kulinarischen Abend-Opulenz folgt am nächsten Mittag – natürlich nach dem üppigsten Frühstück, das man sich vorstellen kann – ein rustikales Mittagessen im historischen Gasthaus Altes Bad in Wildbad Kreuth mit Weißwürschtl, Leberkäs, Schinken, Bouletten – und dazu folgt schließlich noch ein trefflicher Pouilly-Fumé aus eiskalt beschlagenen Magnumflaschen. Die Autos sind zum Concours d’Elegance aufgefahren. Rasehorn und Lemcke packen Silberteller und Pokale aus, es werden die Preise verliehen, dabei wird auch mal ein gutgelungener Nachbau honoriert (siehe unten).
Als die Kolonne langsam den Tatort verläßt, winken die Wildbach-Kreuther (heißen die so?), die Trophy-Fahren winken zurück, als seien sie vom Zirkus Roncalli und hätten gerade eine umjubelte Vorstellung abgeliefert. Vom Hotel aus geht es am Nachmittag auf eine kleine Tegernsee-Rundfahrt mit einem historischen Motorboot; die Trophy-Truppe ist schon erkennbar kleiner geworden. Vielen gilt der Concours d’Elegance samt Preisverteilung als abschließender Höhepunkt, dann fahren sie wieder los.
Schade, denn am Abend genießen die Gebliebenen ein höchst seltenes Vergnügen. Angelo Gaja, eine Legende des italienischen Weinbaus, der “König des Barbaresco”, den wir im letzten Heft vorgestellt haben, hat ausnahmsweise mal seine piemonteser Heimat verlassen, um uns etwas über seine berühmten Weine zu erzählen. Es wird, ganz entgegen vorhandenen Befürchtungen, weder lang noch langwierig, weniger weintechnisch als amüsant.
Was wohl niemand vergessen wird: Der weltweit verbreitete Cabernet Sauvignon ist laut Gaja so einer wie John Wayne; überall bekannt, einfach, geradlinig, von jederman zu verstehen. Die Nebbiolo-Traube, aus denen Gajas Weine entstehen, gleicht dagegen dem italienischen Schauspieler Marcello Mastroianni: etwas ironisch, sophisticated im Geschmack, eben nicht weltweit, sondern eine italienische Spezialität.
Gaja präsidiert bei einem fabelhaftem Dinner im italienischen Restaurant des Seehotels, dem Il Barcaiola, mehr Vorspeisen und Pasta, als man eigentlich essen konnte, dann noch eine gewichtige Fischplatte und ein köstliche Ochsenfilet. Aber das waren natürlich nur Begleitungen für vier-fünf der schönen Gaja-Weine, die der Winzer mitgebracht hatte.
Niemals haben wir es, auch beim gesunden und alkoholfreien Käse-Lunch am Montag in der “Naturkäserei Tegernseer Land” am Montag so häufig gehört: “Also dann auf Wiedersehen das nächste Mal, auf Sylt im April!”. Und der Wahl-Tegernseeer (neue Rechtschreibung) Heinrich Seltenreich, dem wir die verständlichen Roadbücher dieses Herbstes verdanken, bringt es auf den Punkt: “Dieses Mal war es aber wirklich so, daß Sie nur alles loben können!”
Jawohl, total einverstanden, völlig richtig, und deshalb machen wir, bevor die nörgelnde Natur des Chronisten uns wieder nervt, mit diesem schönen Schlußwort Schluss.
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Concour d’Elegance
1. Bentley 6.5 ltr Gurney Nutting Blue Train (spezial)
Christian und Heidi Rauffus
2. BMW 327 Cabrio (1937)
Prof. Dr. Detlev Riesner und Frau Dr. Hannelore Riesner
3. Chevrolet Corvette 1961
Anette und Peter Schiessl
