The Vintage Luggage Trophy

Pressebericht

WamS am 11.10.09

Schönes Wochenende: Mit dem Bentley nach Heiligendamm

Von Lorraine Haist 11. Oktober 2009

Ein Wagen für Angeber ist der Bentley Continental GTC nicht, den man uns für die Teilnahme an der "Vintage Luggage Trophy 2009" zur Verfügung gestellt hat, eine Ausfahrt von Liebhabern edler Automobile ans baltische Meer (andere nennen es "die Ostsee"). Das royalblaue Cabrio taugt viel eher dazu, automobile Angeber mit Nonchalance zu düpieren, die einem auf der Strecke von Berlin nach Heiligendamm reichlich begegnen. "Wenn einem extreme Leistung zur Verfügung steht, muss man sie nicht zur Schau stellen", lautet eines der Bentley-Credos, die sämtlich von britischem Understatement erzählen. Einen offensichtlich im Eigenbau getunten Opel Zafira, die vielen BMW und Audi A8, die auf den Alleenstraßen Mecklenburgs mit nervösen Fahrmanövern ein Rennen fordern, lassen wir dann auch an uns vorbeiziehen, bitte sehr, wir möchten reisen, nicht rasen.

Erhebender erscheint das Wissen, dass man in 5,1 Sekunden von null auf hundert beschleunigen könnte. Und so die lahmen Protzer mit einer Höchstgeschwindigkeit von 314 Stundenkilometern als Fliegendreck im Rückspiegel erscheinen ließe.
Solcherart luxuriöse Untertreibung scheint überhaupt das Thema der dreitägigen Fahrt zu sein, die der Hamburger Unternehmer Joachim-Michael Lemcke zum ersten Mal für einen ausgewählten Kreis von rund 100 Gästen veranstaltet ("ein Treffen unter Freunden, die man europaweit immer wieder trifft"). Die von Berlin und Hamburg gestarteten Teilnehmer, zumeist Paare aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, sind mit millionenteuren Mercedes-Rennwagen aus den 20er-Jahren, einem Ferrari 275 GTB oder dem neuen Morgan-Coupé AeroMax unterwegs. Im "Darzer Eck", einem Landgasthaus mit lebensgroßer Plastik-Kuh vor der Eingangstür, das auf der Hinfahrt zum Mittagessen Soljanka, Sauerfleisch und Rinderroulade serviert, greifen trotzdem alle zu. Dem Edelmetallbroker, dem Schuhfabrikanten, dem Großhandelsunternehmer und dem Immobilienhändler geht es hier offensichtlich nicht darum, das selbst verdiente oder familiäre Vermögen zu zeigen. Für ein Startgeld von rund 1500 Euro pro Person ("ein Zuschussgeschäft", so Lemcke) geht man hier ein Wochenende lang dem gemeinsamen Hobby nach - wer hier wie viel hat, spielt keine Rolle, reich sind sowieso alle. Aber wohl nicht vor Sorgen gefeit, denn Idee der Fahrt ist es, "in Zeiten, in denen viel gejammert wird, mal wieder ein paar Tage ohne schlechte Gedanken zu verbringen und neue Ideen zu entwickeln", sagt Lemcke. Dafür konnte der Kaufmann, der selbst historisches Reisegepäck sammelt, neben seiner "Vintage Luggage Company" Partner wie die Privatbank Hauck & Aufhäuser, die Königliche Porzellan-Manufaktur Berlin, den italienischen Yachtenhersteller Riva und das Champagnerhaus Roederer gewinnen. Näher kommt man seiner Zielgruppe schließlich selten.

Entsprechend viele Souvenirs finden sich später in der Suite im "Grand Hotel Heiligendamm": ein Bildband mit den aktuellen Riva-Modellen, ein Schlüsselanhänger des Luxus-Segelkreuzfahrtschiffes "Sea Cloud", ein Katalog der Schweizer Uhrenmarke Hublot. Ein passendes Basislager, um schlechte Gedanken erst gar nicht aufkommen zu lassen. Das direkt am Strand gelegene klassizistische Gebäudeensemble des Hotels, 2007 als Austragungsort des G-8-Gipfels zu zweifelhaftem Ruhm gelangt, trennt heute statt des zwölf Kilometer langen Absperrzauns nur noch ein Zäunchen von der wirklichen Welt. Wer drin ist, den erwartet Fünf-Sterne-Luxus mit Ballsaal, Kristalllüstern, üppigen Hortensienpflanzungen und ehrlich freundlichem Personal, das einen beim ersten Wiedersehen mit Namen grüßt. Dass viele Menschen aus dem naturschönen, aber strukturschwachen Umland das Hotel als Hort reicher West-Bonzen ablehnen, spürt man hier nicht.

Wie auch? Nach dem Rennen des Tages, eher eine Spazierfahrt mit lustigen Aufgaben an der Ziellinie ("Wie viele Schrauben befinden sich in diesem Weckglas?", "Wie viel wiegt der Schraubenschlüssel?"), trifft man sich zum "spätsommerlichen Grillabend" unter Blumenarrangements im Ballsaal, bei dem der "sportlich-legere" Dresscode (Belstaff-Jacke und Hermès-Gürtel) zuweilen missachtet wird: Die Mercedes-Fahrerin kommt im Chinchilla, die Gattin eines Konzernlenkers trägt etwas Eckiges in Schwarz, das nach Balmain aussieht, darüber mehrere Lagen Schmuck von Tom Binns. Auch später, beim Absacker in der Davidoff-Lounge des "Grand Hotel", bleibt man unter seinesgleichen: Der Nebel, den die Havannas der Trophy-Teilnehmer produzieren, ist so dicht und so wattig, dass er ungebetenen Gästen, schlechten Gedanken oder Krisen kein Durchkommen ließe. Das Angebot, meinen Vater - kurzfristig als Beifahrer eingesprungen - als Märchenonkel des Hotels zu verpflichten, müssen wir uns trotzdem noch überlegen.

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